"Seht euer Anschreiben als Arbeitsprobe in Sachen Storytelling"

Aktualisiert: Mai 15

Workshop mit Ulrich Schuhmann von der Personalberatung Schuhmann am 11.01.2021

Sein selbst ernanntes „Mut-Mach“-Chart trägt den Titel: „Corona – und jetzt ist alles schlecht?“ Nein, sagt Ulrich Schuhmann von der Personalberatung Schuhmann. Ganz im Gegenteil! Ein kurzer Überblick über den aktuellen Personalmarkt im Bereich Public Relations zeigt: Die Nachfrage steigt um 5-6% im Jahr, die Gehälter von Einsteiger*innen nehmen zu, Basis-Anforderungen bleiben unverändert. Doch auch innerhalb der Branche gibt es Unterschiede – Gewinner*innen und Verlierer*innen. Vor allem im Event-Bereich gab es oft negative Nachrichten. Kurzarbeit und Einstellungsstopps gehören dazu. Deutlich gefragter sind Expert*innen in Krisen- und Change-Kommunikation sowie strategisches Denken und „alles was mit Marke und Reputation zu tun hat“. Manche seiner Kund*innen werten Stellenprofile aktuell sogar nach oben auf, haben noch höhere Anforderungen und bauen die Kommunikations-Abteilung aus, sagt Ulrich Schuhmann.


Sicher ist: Gute Kommunikation ist nicht nur, aber vor allem in Krisen essenziell.


Startvoraussetzungen für den Jobeinstieg


Nach dem hoffnungsvollen Einstieg ging es im Workshop um die Startvoraussetzungen für den Jobeinstieg. Und die sind vielseitig:

  • Mit Praktika und studentischen Tätigkeiten in verschiedene Praxisbereiche reinschnuppern

  • Durch Projektarbeit oder Ehrenamt Interesse zeigen

  • Praxisrelevante Abschlussarbeit(en) wählen

  • Kontaktnetzwerk aufbauen

  • Durch Ausland oder zusätzliche Bildungsmaßnahmen Zusatzqualifikationen erwerben.

An dieser Stelle die erste Frage: lieber viel ausprobieren oder Kontinuität im Nebenjob zeigen? Ulrich empfiehlt, sich zunächst breit aufzustellen. Wichtig ist, Bereiche zu wechseln und stets Neues zu lernen - ob das bei einem oder mehreren Arbeitgeber*innen passiert, ist noch nicht ausschlaggebend.


Die Selbstanalyse als strategisches Projekt


Um den richtigen Werkstudentenjob, das perfekte Praktikum oder die passende erste Stelle zu ergattern, hilft eine Selbstanalyse. „Die Selbstanalyse sollte man als strategisches Projekt verstehen und immer wieder neu hinterfragen“, sagt Ulrich Schuhmann. Die einzelnen Bausteine sind: Wer bin ich (Adjektive, Werte, Grenzen, Treiber), was kann ich (nicht), Was will ich (Ziele, Visionen, Karriereplan).


Und letztlich müssen diese Informationen mit Hilfe von Argumenten, Bildern & Co. gut kommuniziert werden. Laut Ulrich Schuhmann wird die Selbstanalyse oft vernachlässigt. Und das, obwohl sie die folgenden Schritte des Bewerbungsverfahrens vereinfacht.


Wie wählt man den richtigen Arbeitgeber?


Nach der Selbstanalyse folgt die Auswahl der relevanten Arbeitgeber. Kriterien, nach denen man sich richten sollte, sind die Thementiefe und -breite der Kommunikationsaufgaben, die auch in einer präzisen Jobbeschreibung schon herausstechen sollten. Statt sich auf eine*n Mentor*in mit großem Namen zu freuen, profitiere man mehr von einer*m Mentor*in, die*der vielleicht tiefer auf der Hierarchie-Leiter steht, dafür aber mehr Zeit für die Betreuung mitbringt. Weitere Faktoren sind die Übernahme von Eigenverantwortung, ein faires Gehalt und eine Unternehmenskultur, die zu einem passt. Letztere kann auf Werte-Seiten, über Übernahmequoten und der Laufbahn von Ex-Einsteiger*innen oder Karriereportalen wie Kununu recherchiert werden.


Kriterien, die allerdings nicht an erster Stelle stehen sollten, sind für Ulrich Schuhmann:

  • Räumliche Nähe des Arbeitgebers

  • Opportunität des Jobs

  • Wohlfühlfaktor

  • Titel des Jobs

  • Name des Arbeitgebers (‚sexy brands‘ haben nicht auch immer sexy Jobs).


Ist ein Bewerbungsschreiben noch zeitgemäß?


Interessante Jobs herausgesucht? Dann geht es an die Bewerbung! Diskutiert wird derzeit, ob ein Anschreiben überhaupt noch zeitgemäß ist. Ulrich Schuhmann findet schon - besonders in der Kommunikations-Branche kann man damit sein Können unter Beweis stellen. Nicht ohne Grund sagt er: „Seht euer Anschreiben als Arbeitsprobe in Sachen Storytelling“. Wichtig ist, dass das Anschreiben nicht länger als eine Seite ist und man sich an eine*n konkrete*n Ansprechpartner*in wendet. Die Struktur ist klar: Grund, Qualifikation, Eigenschaften, Formales, Schluss. Wichtig ist es, die eigenen relevanten Skills gut mit Argumenten zu untermauern und Defizite intelligent zu verpacken – oder gar weg zu lassen. Statt zu schreiben, was man noch nicht kann, sollte man lieber auf Formulierungen zurückgreifen wie: „Ich interessiere mich besonders für…“ oder „Gerne würde ich mich mehr mit … beschäftigen“.


Auch die eigene Gehaltsvorstellung, sofern gefordert, ist für Berufseinsteiger*innen oft ein heikler Punkt. Anstatt sich auf etwas festzulegen, empfiehlt Ulrich Schuhmann eine etwas offenere Formulierung, etwa: „Meine Gehaltsvorstellung orientiert sich an den Gehältern von Studienkolleg*innen und liegt zwischen X und Y“. Der*Die Personaler*in sollte die wichtigsten Expertisen schnell aus dem Lebenslauf herauslesen können. Daher: Kein Fließtext, sondern lieber Bulletpoints.


Das (virtuelle) Interview


Die letzte Stufe der Jobfindung steht an: Das Interview. Eine gute Vorbereitung, ein gepflegtes Aussehen, Präzision – all das sind wohl bekannte und wichtige Faktoren für einen guten, ersten Eindruck. Bei Videointerviews gibt es jedoch noch mehr Herausforderungen:

  • Smalltalk meistern

  • Sprechpausen erkennen

  • Auf den Punkt kommen

  • Emotionen transportieren

  • Mit der Technik umgehen können

Dafür gibt es auch ein paar Vorteile:

  • Gewohnte Umgebung

  • Wenig Ablenkung

  • Möglichkeit, Notizen als „Spickzettel“ parat liegen zu haben.

Ganz wichtig bei Interviews, merkt Ulrich Schuhmann an, ist es diese nicht zu unterschätzen. Sie haben oft schon finalen Charakter.


Eure Fragen, Ulrichs Antworten:


Wann im Bewerbungsprozess sollte man das Gehalt ansprechen?

  • Am Ende des ersten richtigen Interviews. Normalerweise spricht die*der Arbeitgeber*in Gehaltsfragen aber selbst an. Schließlich ist es auch in seinem*ihrem Interesse, dass sich die Gehaltsvorstellungen beider Seiten ähneln.

Praktikum bei einer Partei: Do or Don’t?

  • Kommt drauf an. Am wichtigsten sind die Aufgaben, die ihr macht. Bei Parteien der Mitte ist ein Praktikum kein Problem.

Wie lange vor Berufsstart sollte man sich bewerben?

  • Mindestens 3 Monate vorher - zu diesem Zeitpunkt werden Stellen meist ausgeschrieben. Bei Initiativbewerbungen sollte man sich schon früher bewerben.

Sollte man sich auf eine Stelle bewerben, auch wenn man nicht alle Anforderungen erfüllt?

  • Ja! Die Stellenbeschreibung ist ein Wunschkonzert. Die Anforderungen sind immer höher angegeben.

Sollte man beim Unternehmen anrufen, wenn man keine*n klare*n Ansprechpartner*in für die Bewerbung hat?

  • Ja! Aber ihr solltet ein Gefühl dafür haben, ob ihr nervt oder nicht. Außerdem solltet ihr euch nur für ein Telefonat entscheiden, wenn ihr eine relevante Frage habt. Euer Fall mit dem Ansprechpartner wäre angemessen.


Luisa Hegner